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Gustav Werner- Lieber Vorbild als Vordenker

Gustav Werner evangelischer PfarrerEr hat der Nachwelt kein literarisches Werk und keine umfassenden theoretischen Schriften hinterlassen wie andere Sozialreformer – dafür aber ein beeindruckendes Beispiel. Auch in deutschen Geschichtsbüchern findet man kaum etwas über Gustav Werner. Der am 12. März 1809 in Zwiefalten geborene Diakonie-Gründer und Industrie-Pionier ist mit seiner Außenwirkung in den Grenzen seiner schwäbischen Heimat geblieben. Ihm ging es nicht um eine Theorie, ein Modell, wie die sozialen Probleme seiner Zeit gelöst werden könnten. Ihm ging es darum, anderen ein Beispiel zu geben, ein nachahmenswertes Vorbild zu sein.
Nachdem er als junger Vikar 1840 mit zehn Waisenkindern und zwei Helferinnen von Walddorf nach Reutlingen marschiert war, brachte er eine Lawine ins Rollen, die nicht mehr zum Stillstand kam. In Reutlingen sammelte Gustav Werner verwaiste und verwahrloste Kinder von der Straße auf und nahm sie mit in sein Rettungshaus. Die Familie wuchs schnell.
Zu den Kindern gesellten sich kranke und behinderte Menschen sowie zahlreiche Frauen und Männer, die ihr Vermögen und ihre Fähigkeiten in die als Lebensgemeinschaft konzipierte Hausgenossenschaft mit einbrachten.


Es war eine bewegte Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Scheitern der Revolution von 1848/49 hatte die Hoffnungen auf nationale Einheit und bürgerliche Freiheit zunichte gemacht. Auf dem Weg zur Industrialisierung wurden Unzählige ins soziale Abseits gedrängt. Not und Armut waren die Folge. Als überzeugter Christ und Pädagoge gab Gustav Werner in wenigen Jahren mehreren hundert Kindern und benachteiligten Menschen ein Zuhause. Der mit der Reutlinger Bürgerstochter Albertine Zwißler verheiratete Theologe gründete Schulen und Lehrwerkstätten, um „seinen“ Kindern durch Bildung und Ausbildung eine Zukunftschance zu geben. Obwohl Frauen damals keineswegs als gleichberechtigt galten, waren sie nach Ansicht Gustav Werners für soziale Tätigkeiten besonders geeignet. Viele seiner Mitarbeiterinnen arbeiteten in führenden Positionen.
Die ersten Grundschullehrerinnen unterrichteten an seinen Schulen. Er selbst reiste unermüdlich durch das Land und rief die Bevölkerung zur helfenden Liebe auf. Dank seiner charismatischen Persönlichkeit zog der Reiseprediger viele Menschen in seinen Bann, die sein Werk dann praktisch oder finanziell unterstützten. Seine Anziehungskraft beruhte auf zwei selten gewordenen Charakterzügen: Er war verantwortungsbewusst und er war authentisch. Worte und Taten stimmten überein, das heißt er lebte das vor, was er anderen predigte. Überhaupt besaß Gustav Werner eine tiefe Werteorientierung, etwas das der heutigen Gesellschaft fehlt, ohne die sie langfristig aber nicht funktioniert. In Politik, Wirtschaft und Industrie forderte er ethische Maßstäbe wie Solidarität, Gerechtigkeit
und Nachhaltigkeit. Gustav Werner glaubte fest an einen liebenden Gott, dessen Reich er auf Erden manifestieren wollte. In seinen theologischen Überlegungen war er als junger Student in Tübingen vom Werk des schwedischen Naturforschers und Visionärs Emmanuel Swedenborg beeinflusst worden. Später lernte er bei einem Straßburg-Aufenthalt das soziale Werk des elsässischen Pfarrers Johann Friedrich Oberlin kennen, das ihn tief beeindruckte.
Er ging dennoch seinen eigenen Weg, auf dem er selbst Konflikte mit den konservativen Kräften innerhalb der württembergischen Landeskirche nicht scheute. 1850 kaufte er die Reutlinger Papierfabrik, die erste christliche Fabrik, in der auch die „halben Kräfte“ Arbeit fanden. Gustav Werner war nun Industrieller. Und als solcher unternahm er den äußerst mutigen Versuch, Industrie und Christentum zusammenzubringen – die Fabrik als Tempel, in der Christus, der König der Gerechtigkeit, herrschen sollte. Das Wagnis scheiterte letztendlich an den Gesetzen des Marktes. 1881 gründete Gustav Werner die Stiftung
zum Bruderhaus. Als er 1887 starb, war sein beispielhaftes Werk wirtschaftlich gesichert.